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Vertrauen schenken | Verletzlichkeit zeigen

Was ich mir und der Gesellschaft für 2021 wünsche

Eine Gnade des Älter werdens ist, sich nicht mehr zu guten Neujahrsvorsätze selbst verpflichten zu müssen. Denn: Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Eine persönliche Jahreswidmung nehme ich mir aber doch noch vor. Sie lautet: Vertrauen schenken – Verletztlichkeit zeigen.

Vertrauen, ein warmes, friedvolles und kräftiges Wort zugleich. Dazu zwei Annahmen. Vertrauen muss man sich verdienen. Zuerst die Leistung, dann das Vertrauen. Erst wer Verlässlichkeit (im Sinne von berechenbar und integer) und Offenheit (im Sinne von ehrlich) beweist, wird als vertrauenswürdig eingestuft. Vertrauen muss man schenken. Eine Haltung, der ich stärker zugetan bin. Vertrauen ist eine Entscheidung: Will ich es jemanden schenken oder nicht (sei es begründet oder nicht). Lenin wird der Satz zugeschriebene: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Ein Satz mit vielen Freunden, der aber Vertrauen im Kern beschädigt. Merken Menschen in Beziehungen, dass sie kontrolliert werden, geht es bergab. Sei es der Partner, der heimlich Nachrichten und Anrufliste am Handy checkt, oder die Arbeitgeberin, die sich für die Kontrolle der Arbeitszeit mehr Zeit nimmt als für Feedback zu Arbeitsergebnissen.

Ohne Vertrauen wäre unser Alltag schwieriger und trauriger. Vertrauen reduziert Komplexität und stärkt die Handlungsfähigkeit. Vertrauen beginnt beim Selbstvertrauen – der begründeten Annahme auftretende Schwierigkeiten zu bewältigen zu können. Das nennt man Kompetenz. Echtes Vertrauen ist nicht naiv, sondern wird getragen von der persönlichen Bereitschaft sich verletzbar zu machen.

Gerade in dieser ungewissen Zeit wird Verletztlichkeit als verkannte Stärke neu gesehen.Brené Brown beeindruckt, wie sich dieses Thema sogar für unterhaltsame Vorträge eignet. Verletzlichkeit ist weder Schwäche noch Wehleidigkeit. Es ist die Bereitschaft ein Risiko einzugehen, sich mit Ungewissheit zu konfrontieren, in Situationen mit großem emotionalen Bezug. Ob die Nervosität beim ersten Rendevouz, das offen kritische Wort zu einem Vorgesetzten oder das Warten auf einen Arztbefund. Die eigene und manchmal vielleicht sogar die globale Verletzlichkeit zu spüren, schärft den Blick auf eigene Kompetenzen und Werte, stärkt die Verbundheit.

Vielleicht nehme ich mir doch noch etwas vor: mutiger zu werden. Mut baut auf Verletztlichkeit, Klarheit, Werte und Vertrauen. Zur Ermutigung empfehle ich den den stimmtigen SOL-Jahreskalender 2021 zum Schwerpunkt Kraft.